EINS von HUNDERT
   
   
Die Edition

EINS von HUNDERT

Eine Idee die es schon gab

Rainer Resch
  

Greenwich Village strahlte in der Sonne an diesem denkwürdigen Tag 1985 oder 1986. Ami Vogel und ich spazierten auf der Suche nach Galerien mit aktueller amerikanischerKunst durch diesen schönen New Yorker Stadtteil, dessen Häuschen oft kleine grüne Vorgärten besitzen. Zu dieser Zeit hatte die Galerienszene gerade Fabrik- und Gewerbehallen als Standorte entdeckt. Wir betraten eine dieser Galerien mit bunten, großformatigen, wildgemalten Bildern, schauten uns die Kunstwerke in dem geschmackvoll modern mit weißen Ledersesseln und einem großen Glasschreibtisch ausgestatteten Raum an.

Beim Verlassen der Galerie sah ich neben der Ausgangstür mehrere eigenartig gebundene Hefte liegen. Eine unbestimmte Anzahl von Seiten war in eine durchsichtigen Folie eingeschlagen und mit einer Plastikschiene zu einem Heft zusammengeklemmt. Sofort nahm ich eins dieser eigenartigen Hefte in die Hand und war begeistert: art works nannte sich diese amerikanische Edition. Sie hatte eine Auflage von einhundert Exemplaren, die nur Originalarbeiten von Künstlern aus Amerika und Japan enthielt. Hauptsächlich waren es kolorierte und signierte Fotokopien, aber es befanden sich auch Collagen und Objektseiten darunter. Und plötzlich wusste ich, wie ich meine Idee einer Künstlerzeitschrift mit Originalen in Deutschland verwirklichen konnte.

Frühe Überlegungen, Kunst zu veröffentlichen

Irgendwann Mitte der 70er-Jahre erstand ich in einem Antiquariat eine Lyrik- und Literaturzeitschrift mit Texten und Gedichten, die eine Originalgrafik, signiert und nummeriert, enthielt. Seitdem ließ mich der Gedanke nicht mehr los, Kunst, die kaum Möglichkeit zur Öffentlichkeit hat in irgendeiner Form zu präsentieren. Viele Jahre schon zeichnete und malte ich und gab für Freunde eine sogenannte "Edition" heraus, die "Edition Psyche", die jeweils nur ein Exemplar mit Originalen von mir enthielt. Sie war in einem winzigen Format gehalten und bestand oft aus Buntstiftzeichnungen. Sie waren meist als Geburtstagsgeschenk gedacht und oft sehr persönlich. Zu dieser Zeit gab ich im Eigenverlag in wenigen Exemplaren (meist zwischen 10 und 20 Exemplaren) zudem Texte und kopierte Zeichnungen und konzeptuell erstellte Hefte heraus (u.a. mit Ami Vogel), die ich verschenkte, da der Verkauf mir nicht möglich erschien.

Durch die Beschäftigung mit meinen eigenen Editionen entstand in Diskussion mit Peter Krabbe das Unternehmen "NORMAL - Fachblatt für den dilletantischen Alltag". Dieses meist im Offset gedruckte Heft wurde kostenlos in Gaststätten, Szenekneipen, Museen und anderen öffentlichen Orten ausgelegt und verteilt. Jedes Heft hatte ein anderes Format und ein eigenes Thema: von "Stille stört" bis zum "Badewannenheft", das in Folie eingeschweißt war. Nur eins dieser Hefte wurde über Anzeigen finanziert, alle übrigen durch Aufteilung der Druckkosten auf die beteiligten Künstler. Es war ein spannendes und interessantes Unterfangen, das fast 10 Ausgaben umfasste, die ungefähr vierteljährlich erschienen. Allerdings war ich sehr unzufrieden darüber, dass wir immer für unsere Publikationen selber bezahlten, anstatt dass wenigstens die Produktionskosten den Künstlern ersetzt wurden. Und als ich "art works" in den Händen hielt, glaubte ich zu wissen, wie dieses Problem zu lösen sei.

Das Unternehmen nimmt Form an

Im Frühjahr 1988 schrieb ich ungefähr einhundert Kölner Künstler an, ebenso diejenigen, die an der Zeitschrift "NORMAL" beteiligt waren und erläuterte ihnen das Konzept, das Peter Krabbe und ich ausgeheckt hatten.

Von den einhundert Künstlern zeigten circa zwanzig Personen Interesse an einer Teilnahme und im Frühjahr 1988 trafen sich um die zehn Menschen bei Peter Krabbe, um das Projekt anzugehen. Darunter waren außer Peter Krabbe, Parzival, Jo Zimmermann, Uli Eichhorn, Ruth Jäger, Eusebius Wirdeier, Rolf Kirsch und andere. In der Diskussion hatte Eusebius Wirdeier den Einfall, die geplante Sammlung von Originalarbeiten "EINS von HUNDERT" zu nennen und mir kam spontan dazu die Idee wie das Logo auszusehen habe, das seitdem das durchsichtige Deckblatt ziert. Bei diesem Treffen wurde das Grundkonzept für EINS von HUNDERT erarbeitet, das später und bis heute weitermodifiziert wurde. Ungefähr zwanzig Künstler sollten jeweils eine Auflage von 100 Originalarbeiten gestalten (nach ihrem Gusto und in jeglicher Technik), so dass jede Ausgabe in einer Auflage von 100 Exemplaren erscheinen konnte. Nach den ersten Heften wurden immer 125 Exemplare produziert damit auch jeder an einer Ausgabe teilnehmende Künstler ein Exemplar erhalten konnte. Anfangs kostete das Heft 60,- DM, später 140,- DM und nach dem Verkauf einer Auflage vierteljährlich wurde der eingegangene Betrag nach Abzug der Unkosten, Versand und Produktion der Umschläge, auf die jeweils teilnehmenden Künstler aufgeteilt.

Das Projekt läuft

Jeweils zu einem bestimmten Quartalstermin sandten Künstler - nicht nur aus Köln, sondern aus ganz Europa und Japan - ihre Arbeiten an mich ein und ich organisierte interessierte beteiligte Künstler aus Köln, die an einem netten, lustigen Abend die einzelnen Nummern rund um einen Tapeziertisch zusammentrugen und entschieden, ob ein Beitrag angenommen wurde oder nicht. Fast alle Beiträge aber fanden Aufnahme, was später zu einer Qualitätsdiskussion führte, der ich nicht mehr folgen wollte.

Peter Krabbe und ich bemühten uns, in Deutschland Galerien und Abonnenten für EINS von HUNDERT zu finden, was auch gelang, so dass von den ersten Exemplaren meist mehr als 2/3 durch Abonnements und feste Verkaufsstellen vertrieben werden konnten. In dieser Zeit entstand auch ein reger Kontakt nach Japan zu den dort existierenden "art works", die von einer großen japanischen Druckerei gesponsert wurden und somit mehr Möglichkeiten zur Öffentlichkeitsarbeit hatten. Ebenso gab es schriftlichen Kontakt mit dem amerikanischen Vorbild "art works".

Einladung nach Japan

Die japanischen Herausgeber von "art works" luden uns zu dem Ausstellungsprojekt "GOD" ein, indem die Künstler die japanische Buchform eines Leporellos zum Thema "GOD" gestalten sollten; die in Leinen gebundenen Blankobücher wurden von den Japanern gestiftet und so nahmen aus Köln und Deutschland circa 20 Künstler an dem Projekt, das in Tokyo gezeigt wurde, teil. Peter Krabbe und ich wurden nach Tokyo zur Ausstellungseröffnung eingeladen, die sehr gut besucht war und bei uns einen bleibenden Eindruck hinterließ.

"Eigene" Räume

In der Zwischenzeit hatte Uli Eichhorn seinen "Kunstschalter" aufgemacht, wo wir die Kellerräume mieteten, um dort EINS von HUNDERT zu lagern und von wo aus ich die Ausgaben packte und verschickte. Zu dieser Zeit diskutierten wir in den vierteljährlichen Treffen vermehrt über die Qualität der Beiträge, was ich nicht so gerne sah, da mir das Konzept der Offenheit am besten gefiel, schließlich bezog EINS von HUNDERT gerade daraus seine Spannung.

Als wir uns der 20. Ausgabe näherten, zog ich mich von EINS von HUNDERT zurück, weil ich zum Schluss bis auf Beistand und Hilfe von Peter Krabbe den Versand und die Abrechnung ganz allein erledigte. Außerdem brach ich aus persönlichen Gründen den Kontakt zur Kunstszene ab, die mir zu laut, zu krachig, zu eitel und zu geldgeil geworden war.

So übergab ich schließlich die Organisation von EINS von HUNDERT an Peter Krabbe, der es erfolgreich weiterführte und der es wiederum an Axel Fabry weiterreichte. Nie hätte ich geglaubt, dass dieses Projekt so lange Bestand haben könnte - aber schön ist es schon.

Rainer Resch

19.04.2002